Dr. med. vet. Hans-Joachim Klein
Fachtierarzt für Pferde
32051 Herford Südbachweg 58

"Stilles Leiden: REM-Schlafmangel beim Pferd."

so lautet der Titel einer Forschungsarbeit 1.) der beiden Münchener Veterinärmedizinerinnen A.-C. Wöhr und C. Fuchs, die von der Firma Boehringer Ingelheim in diesem Jahr (2018) mit der Tierwohl-Medaillie in der Kategorie "Pferd" ausgezeichnet wurde.

Diese Auszeichnung hat in Fachkreisen eine hohe Aufmerksamkeit erzeugt und zahlreiche Artikel in hippologischen Journalen zur Folge gehabt.

Ja - Pferde können im Stehen Schlafen, sie können notfalls auch mehrere Tage hintereinander ausschließlich im Stehen schlafen. Das ist durch die besondere Anatomie der Pferde im Bereich des Fesselkopfes durch den Fesseltragapparat und im Bereich der Hintergliedmaße durch die sog. Spannsägenkonstruktion möglich. Das Knie- und das Sprunggelenk werden durch die Spannsägenkonstruktion immer synchron bewegt und durch den besonderen Bau des Kniegelenkes kann das Pferd durch einen äußerst geringen Muskeltonus die Kniescheibe auf dem inneren Rollkamm des Unterschenkels fixieren und infolge dessen das Kniegelenk und durch die immer synchrone Bewegung des Sprunggelenkes auch das Sprunggelenk fixieren.

Allerdings ist die Tiefschlafphase dem Pferd im Stehen nicht möglich. Im Tiefschlaf kann der geringe Muskeltonus zur Fixierung der Kniescheibe auf dem inneren Rollkamm des Unterschenkels nicht aufrecht erhalten werden. Da im Tiefschlaf des Pferdes auffallend schnelle Augenbewegungen auftreten, wird diese Schlafphase als REM-Schlaf bezeichnet (REM = Rapid Eye Movement).

Zum Wohlsein der Pferde sollten sie in jeder Nacht die Möglichkeit zum REM-Schlaf haben, nur dann findet eine vollständige Regeneration statt. Dazu sollte ein trockener und verformbarer Untergrund in der Größe vorhanden sein, dass alle Pferde der Herde gleichzeitig liegen können. So heißt es schon unter dem Punkt 3.2. der Leitlinien zur Beurteilung von Pferdehaltungen unter Tierschutzgesichtspunkten 2.) des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz aus dem Jahr 2009.

Diese Leitlinien dienen z.B. den Veterinärämter zur Beurteilung von Pferdepensionsbetrieben. So hat das Veterinäramt des Landkreises Osnabrück diese Leitlinien allen angemeldeten Pferdepensionsbetrieben zugeschickt und unangemeldete Kontrollen dieser Betriebe bezüglich der Einhaltung dieser Leitlinien angekündigt. Mögen andere Veterinärämter diesem Beispiel folgen.

Sicherllich sind die weitaus größte Anzahl unserer Pferde so untergebracht, dass sie Nacht für Nacht gute Bedingungen für ihren REM-Schlaf vorfinden. Leider gibt es diesbezüglich aber besonders in Betrieben mit Gruppenhaltungen immer wieder unrühmliche Ausnahmen, in denen ausreichende Liegeflächen mit trockenem, verformbaren Untergrund überhaupt nicht oder nur in unzureichender Größe zur Verfügung steht. Der Untergrund in den überdachten Flächen und im größten Teil der Freiflächen ist in vielen Betrieben betoniert. Die Stallbetreiber glauben fälschlicher Weise dem Tierwohl ohne ausreichend große Liegeflächen mit einem trockenen, verformbaren Untergrund gerecht zu werden.

Viele Pferde legen sich auf Beton oder nassem Sand nicht hin, deshalb fehlt ihnen dann über viele Tage der für ihre Regeneration erforderliche Tiefschlaf. In der Folge kann es zu reduziertem Allgemeinbefinden, zur Abmagerung, zu Magengeschwüren und zu Durchfällen kommen. Da diese Folgen in der Regel schleichend einsetzen wird der Zusammenhang zum REM-Schalfmangel oft nicht erkannt; der Titel der preisgekrönten o.g. Arbeit beginnt deshalb treffend mit "Stille Leiden ...".

Das Betreitstellen und die Pflege einer trockenen und verformbaren Liegefläche ist sicherlich mit einem erhöhten Arbeits- und Kostenaufwand verbunden. Manche der auf Profit bedachten Pensionsstallbetreiber haben ihre Einsteller nicht nur davon überzeugt, dass eine trockene Einstreu nicht notwendig ist sondern versuchen sogar, ihre Pferdebesitzer davon zu überzeugen, dass Stroh schädlich für ihre Pferde sei und sogar zu Koliken führen kann. - Was für ein Blödsinn !

Außerdem ist in zahlreichen Betrieben ohne Stroheinstreu die Rauhfuttergabe unzureichend, das führt zu Stress und kann Magengeschüre, Durchfälle und abmagerung zur Folge haben. Bei Verdacht auf Magengeschwüre sollte immer auch die Haltung der Pferde unter die Lupe genommen werden.

Falls Pferdeliebhaber auf Pferdehaltungen treffen, in denen die Pferde keine ausreichende Liegeflächen nach den o.g. Richtlinien haben, dann sollten sie die Verantwortlichen zur Einhaltung der Richtlinien auffordern. Auch wenn mancher Stallbetreiber uneinsichtig sein wird, wird es das ein oder andere Mal zum Wohlergehen unserer Pferde beitragen.

Die Dissertation von L. C. Kiefner "Untersuchungen zu Schlafstörungen beim Pferd: Narkolepsie versus REM-Schlafmangel" 3.) und das Buch „Polysomnographische Untersuchungen zu Schlafstörungen beim Pferd: Narkolepsie versus REM-Schlafmangel“ 4.) von C. Fuchs enthalten weiterführende Informationen.

Literaturangaben:

 1.) Stilles Leiden: REM-Schlafmangel beim Pferd

 2.) Leitlinien zur Beurteilung von Pferdehaltungen unter Tierschutzgesichtspunkten

 3.) Untersuchungen zu Schlafstörungen beim Pferd: Narkolepsie versus REM-Schlafmangel

4.) Polysomnographische Untersuchungen zu Schlafstörungen beim Pferd:
   Narkolepsie versus REM-Schlafmangel
(ISBN-10: 3835965409) VVB Laufersweiler Verlag

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